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DVW-Interview: Die Post-Corona-Stadt: Was ändert sich, was bleibt?

Dr. Frank Friesecke ist Leiter des DVW-Arbeitskreises „Landmanagement“. Im DVW-Interview erklärt er, wie aus seinem Blickwinkel die „Post-Corona-Stadt“ aussehen wird.

Dr. Frank Friesecke ist Leiter des DVW-Arbeitskreises „Landmanagement“. Im  DVW-Interview erklärt er, wie aus seinem Blickwinkel die „Post-Corona-Stadt“ aussehen wird: Was sich ändert und was bleiben wird. Das Interview fand am 28. Juli 2020 statt.

Herr Dr. Friesecke, wird Corona unsere Städte verändern? Welche Auswirkungen sehen Sie aus dem Blickwinkel der Stadtplanung und Stadtentwicklung?

"Städte haben sich fortwährend verändert, die aktuelle Pandemie fordert die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft und ganz besonders unserer Städte allerdings in einem ganz besonderen Maß heraus. Durch ihre Bewältigung werden aktuell Veränderungsprozesse angestoßen, die vielseitige Möglichkeiten für eine nachhaltige Stadtentwicklung bieten.

In der Krise liegt somit immer auch eine Chance. Das Wohnen und das Arbeiten werden wieder näher zusammenrücken, unser Mobilitätsverhalten steht auf dem Prüfstand, die Nachfrage nach regionalen Produkten ist enorm. Auch die Digitalisierung von Verwaltungen, Unternehmen und nicht zuletzt des DVW erfahren einen Schub; vermutlich sieht die Mehrheit von uns Vorteile, wenn der Reisepass online verlängert und der Bebauungsplan im Internet eingesehen werden kann.

Ungewollt ist die Corona-Krise folglich zu einer Art Reallabor für die Stadt der Zukunft geworden. Jetzt gilt es, die richtigen Schlüsse für die Stadt nach Corona zu ziehen."

Das drängendste Thema ist sicherlich die Wohnungsknappheit und hohen Preise für Immobilien in vielen Städten Deutschlands. Wird hieran Corona etwas ändern?

"Die Krise hat gezeigt, dass das überwiegend kritisch beurteilte Einfamilienhaus in der Peripherie oder auf dem Land ein verhältnismäßig angenehmer Ort für den Lockdown war. Ob damit allerdings gleich eine Trendumkehr in Richtung Wohnen auf dem Land abgeleitet werden kann, ist noch offen – die Chancen hierfür stehen aber gut.

Dennoch wird in Zukunft allein aus ökologischen und ökonomischen Gründen kein Weg vorbei an der verdichteten Stadt führen – wenn man sie denn konsequent weiterplant. Für Stadtplaner bedeutet dies, bei der Planung neuer Quartiere, aber auch in Bestandsgebieten, den in der Vergangenheit oft vernachlässigten öffentlichen Raum wieder attraktiver zu machen. Mehr Freiflächen, auf denen städtische Landwirtschaft betrieben wird, auch das kann eine Lösung nach dem Vorbild der Urban-Gardening-Bewegung sein.

Aus Sicht der Architekten bedeutet dies, Wohnungen so zu bauen, dass verschiedene Wohnformen in einem Haus existieren. Also eine gute Mischung aus kleinen und großen Wohnungen. Pro Mehrfamilienhaus könnte es zusätzlich eine Gästewohnung geben, des Weiteren sollten sich Arbeits- oder Gemeinschaftsräume im Haus befinden, die man sich nicht nur in Krisenzeiten teilen kann.

Insgesamt wird sich, so ist meine Vermutung, am erhöhten Wohnbedarf vielerorts wenig ändern. Weil es zu Hause zumeist noch an flexiblen Grundrissen mangelt, die Wohnen und Arbeiten im Homeoffice ermöglichen und ausreichend Rückzugsmöglichkeiten schaffen, könnte der Bedarf sogar noch steigen."

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Dr. Frank Friesiecke im Interview mit Ina Loth, Leiterin der DVW-Geschäftsstelle (Bild: © DVW e.V.)

Auch das Arbeitsleben verändert sich durch Corona. Welche Folgen sehen Sie hier?

"Das Homeoffice wird zu einem festen und stetig wachsenden Bestandteil der Arbeitswelt werden, dessen bin ich mir sicher. Mit der Folge: In der Stadt werden überdimensionierte Bürobauten und noch ganz andere Flächen frei. Die Rolle des zentralen Büros könnte das Arbeitszimmer in der (größeren) Wohnung, aber auch dezentrale Büros in Wohnungsnähe übernehmen. Im eigenen Viertel oder Ortsteil, zwischen Lebensmittelmärkten, Friseuren, Imbissen und Cafés, könnten Menschen in Co-Working Spaces arbeiten und so das Pendeln zum Arbeitsplatz vermeiden.

Für die bislang offenen Büroflächen werden sich bauliche Veränderungen nicht vermeiden lassen. Mittelfristig wird es erforderlich sein, wegfallende Büros in den Innenstädten umzuwandeln. Nachgefragte Nutzungen sind nicht erst seit Corona zentral gelegene Wohnungen, doch verhindern vielerorts die (noch) sehr hohen Preise für Eigentumswohnungen bzw. das hohe Mietniveau ein bezahlbares Leben in der Stadt.

Auch die Arbeit im Berufsverband hat sich entscheidend verändert: Die geplanten Treffen wurden durch Videokonferenzen ersetzt, erste DVW-Veranstaltungen finden im virtuellen Raum statt vor Ort statt. Auch die INTERGEO wird erstmals digital durchgeführt – wer hätte das Anfang des Jahres gedacht?"

Sehe ich das richtig, dass damit auch der Verkehr abnimmt? Arbeiten von zu Hause, digitale Veranstaltungen, Homeschooling und vieles andere mehr…

"In Bezug auf den städtischen Verkehr wird wohl erst die Zukunft zeigen, ob wir wieder in alte Mobilitätsmuster zurückfallen, oder ob durch Homeoffice, E-Learning, weniger Geschäftsreisen und virtuelle Veranstaltungen die Autofahrten tatsächlich merklich zurückgehen.

In jedem Fall dient auch hier die Pandemie als Beschleuniger für neue städtische Verkehrskonzepte. In der Krise zeigt sich deutlich, dass die städtischen Verkehrsflächen nicht entsprechend der Nachfrage aufgeteilt sind. Das hat zum Umdenken, in vielen Fällen auch zu kurzfristigen Lösungen, geführt: Städte wie Berlin oder Paris investieren auf einmal Millionen Euro in eine neue (Pop-up)-Radinfrastruktur, um die gesamte Stadt zu vernetzen und auf einen gestärkten Radverkehr nach der Krise vorzubereiten.

Neben den sich neu formierenden Verkehrsströmen sind es die Digitalisierung und smarten Technologien, die zu einer effizienteren Steuerung des Verkehrs führen können. Auch hier gehe ich davon aus, dass sich die Entwicklung in Richtung digital vernetzter Verkehrsangebote weiter beschleunigen wird.

Mit Expertise in den Bereichen GIS, 3D-Visualisierungen, BIM und digitales Bauen kann die zukünftige Stadt- und Verkehrsplanung übrigens auch für Geodätinnen und Geodäten ein spannendes Berufsfeld sein!"

Sie sprechen es gerade an: Können wir als Ingenieure als Gewinner aus der Krise hervorgehen?

"Und ob! Die Stadt der Zukunft wird digitaler sein als bisher und auf dem Gebiet der Digitalisierung sind Geodätinnen und Geodäten schon lange höchst erfolgreich unterwegs. Während die Hochschulen relativ schnell im digitalen Zeitalter angekommen sind, so tun sich viele Verwaltungen mit der Umstellung allerdings noch schwer: Wenn die E-Mail im Homeoffice nicht abgerufen werden kann und die Technik für eine Videokonferenz nicht vorhanden ist, dann macht es wenig Freude, an Lösungen für Smart Cities bzw. Geoinformation 4.0 zu arbeiten.

Auch für den DVW eröffnen sich neue Chancen der Digitalisierung: Die INTERGEO DIGITAL vom 13. bis 15. Oktober 2020 zeugt davon, aktuell finden im Arbeitskreis „Landmanagement“ Überlegungen für einen virtuellen Live-Event zum Thema Landmanagement und Klimawandel im kommenden Jahr statt. Das spart Zeit und Reisekosten, da die Teilnehmer bislang aus der ganzen Bundesrepublik zu solchen Veranstaltungen anreisen mussten.

Zurück zur Ihrer Frage: Ich bin davon überzeugt, dass die Breite und inhaltliche Weitsicht der Geodäsieausbildungen in Deutschland unseren Berufseinsteigern weiterhin große Möglichkeiten eröffnen."

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Interview an der Burg Windeck in Bühl, Baden-Württemberg (Bild: © DVW e.V.)

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